Krisen halten sich nicht an Organisationsgrenzen. Systeme häufig schon.

Blackout, Extremwetter, Kommunikationsausfall – die Krisen unterscheiden sich. Die operative Herausforderung bleibt dieselbe: unter Zeitdruck schnell ein belastbares Lagebild schaffen und Entscheidungen treffen.

Katastrophenlagen bringen Akteure zusammen, die im Alltag weitgehend unabhängig voneinander arbeiten. Feuerwehr, Polizei, THW, Bundeswehr, Hilfsorganisationen, Energieversorger und weitere Stellen haben eigene Aufgaben, Zuständigkeiten und spezialisierte Systeme. Das ist sinnvoll – bis eine Lage entsteht, die sich nicht mehr innerhalb dieser Grenzen bewältigen lässt.

Bei einem großflächigen Stromausfall etwa müssen innerhalb kurzer Zeit sehr unterschiedliche Fragen beantwortet werden: Welche Einrichtungen sind betroffen? Welche Aggregate stehen zur Verfügung? Wo reicht die Notstromversorgung nicht aus? Welche Verkehrs- oder Kommunikationswege fallen aus? Welche Maßnahmen laufen bereits? Und wer koordiniert sie?

In solchen Situationen zeigt sich für mich die grundlegende Herausforderung des Katastrophenschutzes: Aus vielen einzelnen Systemen und Informationen muss eine gemeinsame Lage entstehen, auf deren Grundlage organisationsübergreifend gehandelt werden kann.

Ein gemeinsames Lagebild reicht nicht

Damit ist jedoch erst ein Teil der Aufgabe gelöst. Informationen zusammenzuführen und auf einer Oberfläche sichtbar zu machen, schafft noch keine abgestimmte Einsatzführung. Ein Lagebild entfaltet seinen Wert erst dann, wenn daraus Entscheidungen und Maßnahmen entstehen.

Wer benötigt welche Information? Wer priorisiert Ressourcen? Wer entscheidet, wo beispielsweise mobile Notstromerzeuger eingesetzt werden? Welche Maßnahme hat Vorrang, wenn mehrere kritische Einrichtungen gleichzeitig Unterstützung benötigen? Welche Auswirkungen hat eine Entscheidung auf andere Beteiligte?

Verschiedene Systeme - eine gemeinsame operative Ebene

Eine gemeinsame Plattform muss deshalb mehr ermöglichen als Datenaustausch. Sie muss den gesamten Ablauf von der Information über die Bewertung bis zur koordinierten Maßnahme unterstützen.

Dazu gehört auch, dass unterschiedliche Rollen und Verantwortlichkeiten abgebildet werden können. Nicht jeder Beteiligte braucht dieselbe Sicht und nicht jede Organisation darf dieselben Entscheidungen treffen. Die technische Umgebung muss diese Unterschiede unterstützen und gleichzeitig sicherstellen, dass alle auf einer konsistenten Lagegrundlage arbeiten.

Einer muss „den Hut aufhaben“

Je komplexer eine Lage wird, desto wichtiger wird eine weitere Frage: Wer führt? Organisationen können ihre jeweiligen Aufgaben weiterhin eigenständig wahrnehmen. Für die Gesamtkoordination muss jedoch eindeutig geregelt sein, welche Stelle die Lage führt, Informationen bewertet, Prioritäten setzt und Maßnahmen organisationsübergreifend koordiniert.

Diese Führungsrolle kann nicht erst im Ernstfall geklärt werden. Auch die technische Architektur muss darauf vorbereitet sein. Wer führt, braucht jederzeit den Überblick über die gemeinsame Lage: darüber, welche Ereignisse vorliegen, welche Ressourcen verfügbar sind, welche Maßnahmen bereits ausgelöst wurden und wo neue Engpässe oder Abhängigkeiten entstehen.

Die Aufgabe moderner Leitstellen geht damit weit über das Zusammenführen von Informationen und Kommunikationskanälen hinaus. Sie müssen eine Umgebung schaffen, in der eine komplexe Lage beherrschbar und gemeinsames Handeln steuerbar wird.

Der Ernstfall muss vor dem Ernstfall stattfinden

Aus zahlreichen Projekten weiß ich, dass Technologie und definierte Zuständigkeiten allein nicht ausreichen. Ob die Zusammenarbeit tatsächlich funktioniert, lässt sich erst beurteilen, wenn der Gesamtprozess geprobt wird. Relevante Einsatzszenarien müssen deshalb regelmäßig und unter möglichst realistischen Bedingungen durchgespielt werden.

Dabei geht es um weit mehr als einen technischen Funktionstest. Was passiert, wenn einzelne Kommunikationswege ausfallen? Sind Informationen weiterhin verfügbar? Funktionieren Übergaben zwischen Organisationen? Sind Rollen und Eskalationswege eindeutig? Können Ressourcen organisationsübergreifend koordiniert werden? Ist die gemeinsame Lage auch unter hoher Belastung zuverlässig verfügbar?

Solche Übungen zeigen über die Funktionsfähigkeit der Systeme hinaus, ob ihr Zusammenspiel funktioniert. Dafür braucht es definierte Szenarien und einen klaren Zeitrahmen, innerhalb dessen relevante Krisenfälle regelmäßig verprobt werden. Erkenntnisse aus diesen Übungen müssen wiederum in Prozesse, Architektur und Verantwortlichkeiten zurückfließen. 

Resilienz muss regelmäßig erprobt werden: Systeme, Prozesse und Zuständigkeiten werden gemeinsam getestet und anhand der Ergebnisse weiterentwickelt.

Gemeinsam handlungsfähig statt technisch vereinheitlicht

Katastrophenschutz braucht deshalb nicht das eine System für alle. Notwendig ist stattdessen eine gemeinsame operative Ebene, die unterschiedliche Systeme und Organisationen verbindet, ohne deren Eigenständigkeit aufzuheben. Sie muss Informationen dort verfügbar machen, wo Entscheidungen getroffen werden, klare Führungsstrukturen unterstützen und den Gesamtprozess einer Lage abbilden.

Im Ernstfall müssen aus vielen einzelnen Systemen, Zuständigkeiten und Organisationen eine gemeinsame Lage und abgestimmtes Handeln entstehen. Genau darauf müssen Technik, Prozesse und Führungsstrukturen vorbereitet sein.

Hier setzt aus meiner Sicht die Arbeit eines Integrationspartners an: vorhandene Systeme verbinden, Informationsflüsse zusammenführen und die technische Umgebung auf die Führungs- und Einsatzprozesse ausrichten.

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